Soziale Medien – wirklich so sozial?

Beeinflusst die Kommunikation mit digitalen Medien unsere sozialen Kontakte und Freundschaften negativ? – von Josefine Schulte.

Unsere digitale Welt dreht sich durch ständige neue Erfindungen und neue Kommunikationsmethoden immer schneller und schneller. Gerade jetzt brauchen wir Menschen in unserem Alltag, welche uns sicheren Halt geben. Doch inwiefern beeinflusst die Kommunikation mit digitalen Medien die Qualität und Tiefe dieser Freundschaften, die uns Halt geben sollen?

Freundschaft in der digitalen Welt

Freundschaft, verstanden als vertrauensvolles und ehrliches Miteinander zweier Menschen in guten und schlechten Zeiten, muss erhalten und gepflegt werden. Diese Definition muss nun angesichts der „Neuen Medien“ hinterfragt werden.

Ständig liest man unter online geposteten Bildern und Inhalten: „Freunde sind wie Sterne. Du kannst sie nicht immer sehen, aber sie sind immer da.“ Was soll das eigentlich heißen? Früher bedeutete dies, dass man jemanden, z.B. in einem Feriencamp, kennenlernte und sich mit dieser Person anfreundete. Wieder zu Hause schrieb man dann einen Brief und hatte ansonsten kaum Kontakt – bis diese Person dann beim Feriencamp im nächsten Jahr im Sommer wieder auftauchte. Diesen Menschen würde man niemals als einen wahrhaftigen Freund ansehen, sondern als einen guten Bekannten, mit dem man einmal jährlich eine Woche Spaß verbindet.

Allerdings verhält sich diese Fernbeziehung heutzutage häufig anders auf Facebook. Hier wird die Person mit einem Klick als Freund hinzugefügt. Auf #g.Instagram wird sie auf zwei Fotos verlinkt, unterlegt mit dem o.g. Spruch über die Freundschaft.

Echte Freundschaft: Internet – digitale Kommunikation

Mit dieser Vorgehensweise hat sich der Freundschaftsbegriff enorm verändert. Ist es möglich, digital eine Freundschaft aufzubauen und diese auch zu erhalten? Der Autor Stefan Niggemeier meinte vor einigen Jahren dazu, dass die Qualität der Beziehung unabhängig von der Art der Kommunikation online oder offline ist. Es sei falsch, Online-Kommunikation immer mit dem Etikett der Vereinsamung und der Internetsucht zu versehen. Anders bewertete dies William Deresiewicz in „Internet, Ort der Einsamkeit“.

Der Begriff der Freundschaft sei durch das Internet gefährdet. Zum einen seien die technischen Möglichkeiten, z.B. auf Facebook, nicht ausreichend, und er kritisiert auch, dass es zu kleinen Kommunikationsfetzen kommt, die keinem echten Austausch entsprechen. Wenn jeder Freund ist, bedeutet dies eigentlich nur Gleichmacherei. Niemand erkennt dann mehr den Unterschied zwischen einem echten Freund und guten Bekannten. Die beiden Diskussionsbeiträge beschreiben unterschiedliche Aspekte der modernen, digitalen Kommunikation und kommen zu gegenteiligen Bewertungen.

Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Sherry Turkle warnt vor den negativen Auswirkungen auf die menschliche Psyche durch die digitale Kommunikation. Sie berichtet von verschiedenen Phänomenen, zum einen von dem Verlust der Fähigkeit des Alleinseins, da man 24 Stunden am Tag nicht mehr allein sein muss, zum anderen: Man könne jederzeit auf seine Freunde zurückgreifen. Das verändere zunehmend unsere Psyche. Damit verliere man die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren und eine echte Verbindung zu anderen eingehen zu können.

Sie berichtet, dass die Generation der digitalen Kinder Alleinsein als Vereinsamung spürt. Eine Generation, die die digitale Kommunikation benötigt, um nicht in Panik zu geraten, und sich nun so dann nicht einsam oder unbeliebt zu fühlen.

Ein gutes Beispiel, dass täglich beobachtet wird: In einem Wartebereich sind viele Menschen zusammen. Egal, ob an einer Bushaltestelle oder im Wartezimmer beim Zahnarzt. Die Menschen können dort einfach nicht die Stille ertragen, sie können nicht ruhig dasitzen und nichts tun. Sie brauchen eine Ablenkung, und diese Ablenkung ist immer vorhanden. Das Mobiltelefon. Aber diese Fähigkeit der inneren Ruhe und Balance ist nötig, um guten Gesprächen zu folgen und somit standfeste Beziehungen aufzubauen.

Auch Sherry Turkle ist dieser Überzeugung, dass wir zunehmend zusammen allein werden, dass unsere Beziehungen dadurch an Tiefe verlieren. An der scherzhaften Frage eines unbekannten Karikaturisten von der „Welt am Sonntag“ ist etwas dran. Angesichts der vielen neuen Freunde im Internet benötigen wir einen neuen Begriff für „echte Freunde“. Echte Freundschaft bedarf einer Nähe. Wenn es gelingt, diese Nähe trotz der technischen Herausforderungen und Schwierigkeiten herzustellen und zu halten, ist echte Freundschaft möglich. Digitale Kommunikation erschwert echte Freundschaft, da diese die Definition und Einschätzung des Freundschaftsbegriffes verschiebt. Die moderne Technik verlangt von den Menschen technische und soziale Kompetenzen, um die Technik sinnvoll zu nutzen. Da stellt sich die Frage, ob wir nicht gerade heute echte Freunde in der wirklichen Welt brauchen, um diese Kompetenzen für die digitale Welt zu erwerben und zu pflegen.

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